Montag, 14. November 2011

Die Wundertüte - Erste Erfahrungen mit einem alten 500mm Linsenobjektiv

Das Objektiv ist unter mehreren Herstellernamen vertrieben worden: Beroflex, Tessar, Danubia uva.. Die meisten kennen es aber heute unter dem Namen Wundertüte. Gemeint ist ein altes Linsenteleobjektiv mit einfachem Aufbau (4 Linsen) aus den 70er Jahren. Das Objektiv zeichnet sich durch eine minimale Länge von ca. 43 cm (bei Unendlichstellung) aus und wirkt dabei sehr dünn. Die minimale Blendenzahl beträgt bei der 500mm-Variante f8.0 (es gibt auch noch Versionen mit 300mm/f5.6 und 400mm/f6.3).
Das hier betrachtete Exemplar entspricht noch der ersten Bauform mit 72mm Filtergewinde und T2-Anschluss.
Ich möchte hier keinen ausführlichen Testbericht anbieten, da ich dafür nicht die Zeit und Sorgfalt aufbringen kann. Vielmehr möchte ich einfach meine ersten Eindrücke schildern.

Verarbeitung und Mechanik:

Die Verarbeitung ist typisch für die damalige Zeit sehr gut. Sämtliche Teile sind aus Metall gefertigt, alle Teile, wie Blenden-, Fokussierung und nicht abnehmbare Stativschelle machen einen soliden Eindruck, wobei die Stativschelle-/Fuß bei einer schweren Kamera als "Gegengewicht" zu schwach ausgelegt sein dürfte und Schwingungen unvermeidbar sind. Das Objektiv fühlt sich trotz der enormen Länge eher leicht an. An einer modernen digitalen Kleinbild-Spiegelreflexkamera (z.B. Nikon D700), ist das Objektiv nicht optimal ausbalanciert. Der Schwerpunkt liegt einige Zentimeter hinter der 3/4"-Bohrung der Stativschelle.

Die Fokussierung erfolgt über Drehung des gesamten vorderen Objektivkopfes und man hat genug Platz zum Anfassen. Die Fokussierung ist gut gedämpft und läuft seidenweich und mit exakt dem richtigen Widerstand. Der Fokusweg ist dabei sehr lang, mehrere Umdrehungen sind notwendig, um von der alles anderen als überwältigenden Naheinstellgrenze von ca. 11 Metern auf unendlich zu verstellen. Eine Skala mit Feet- und Meterangaben ist ebenso vorhanden, wie Markierungen für die Schärfentiefen für die 4 einstellbaren Blenden (8, 11, 16, 22). Neben dem Blendenring gibt es noch einen Ring mit der Bezeichnung O<->C. Mir war zunächst nicht klar, was dieser Einstellring bewirkt. Durch Nachfrage beim Verkäufer und durch eigene Beobachtung, kann man damit die Blende Stufenlos wieder voll öffnen. Stellt man z.B. Blende 11 ein, kann man bis Blende 8 wieder öffen (O = open) und bekommt bei voller Drehung auf (C = closed) die eingestellte Blende. Dies dient mit Sicherheit dazu, durch den Sucher überhaupt noch was erkennen zu können, denn das Objektiv verfügt nicht über eine Springblende! Bei f22 ist selbst bei einer heutigen Kleinbildkamera, mit dem auf Helligkeit ausgelegten Sucher, so gut wie nichts mehr zu erkennen. Nett gedacht, aber leider bei meinem Exemplar schlecht gemacht, da dieser Ring zu leichtgängig ist und die Gefahr besteht, dass man unbemerkt die Blende verstellt und damit eine Fehlbelichtung bekommt.

Die Anzahl der Blendenlamellen konnte ich nirgendwo nachlesen, ist zähle aber 13! Kann mich da aber auch vergucken, da nicht ganz so einfach zu erkennen.

Das Objektiv lässt sich in mindestens 2 Teile durch einfaches auseinanderschrauben zerlegen. Ich habe das nur halb ausprobiert und lieber den Infos vertraut, die ich im Netz finden konnte. Das Objektiv zu zerlegen, um es besser transportieren zu können, ist für mich ohnehin nicht sehr sinnvoll, da das Linsensystem dann schnell verschmutzen würde.

Handhabung:

Die Handhabung ist aufgrund der Länge sehr unpraktisch. Das geringe Gewicht weiß zwar zu gefallen, aber wirklich kompakt ist das Objektiv natürlich nicht. Ich besitze keine einzige Fototasche oder -Rucksack, in dem man das Teil problemlos unterbringen könnte. Es wurde bei meinem Exemplar eine runde Lederimitat-Pappröhre mitgeliefert, die einen dünnen Tragegurt hat. Dieses Behältnis erwies sich bis jetzt aber als sehr unpraktisch. An einen "fliegenden" Objektivwechsel ist dabei nicht zu denken, da man mit zwei Taschen hantieren muss, wovon die "Pappröhre" so unhandlich ist, dass man sich besser eine Ablagefläche sucht, will man nicht das eine oder andere Objektiv auf den Boden fallen lassen.

Der schon angesprochene sehr lange Fokusweg, kombiniert mit dem durch moderne DSLR-Sucher kaum auszumachenden Schärfepunkt, lässt das Objektiv für Motive mit schnellen Abstandsänderungen ausscheiden. Selbst ein Spaziergänger ist für mich zu schnell, als das ich mit dem Nachstellen hinter her kommen könnte, geschweige denn, dass die Schärfe dann da sitzen würde wo sie benötigt wird. Sicherlich können geübtere Menschen eine bessere Performance erreichen als ich, aber für sehr schnelle Abstandsänderungen ist der Fokussierweg einfach zu lang.

Optische Leistung:

Nach allem was ich bis jetzt sehen konnte, ist diese Überraschend gut! Der Name Wundertüte, den ich auch eher auf die Form, als auf die Leistung bezogen hatte, scheint nicht ungerechtfertigt. Sicherlich kann man nicht von den Leistungen moderner (und guter und teurer!) Teleobjektive ausgehen, aber die ersten Schnappschüsse haben mich schon überrascht. Sowohl die mit diesem Gerät klassische Mondaufnahme gelingt tadellos (sogar mit 1,4-fachem Telekonverter neuester Bauart), als auch ganz gewöhnliche Aufnahmen bei Tageslicht. Die Schärfe ist schon bei f8.0 sehr gut, die Kontraste ebenso. Farben werden satt und für mein Empfinden korrekt wiedergegeben. Vignettierung und Verzeichnnung sind sehr gering. Einzig LoCAs (Longitudinale cromatische Abberationen) und andere Farbfehler machen sich negativ bemerkbar. So zeigen sich ausgeprägte lila und grüne Farbsäume um Kontrastkanten, ersteres hinter und letzteres vor der Schärfeebene. Diese Abbildungsfehler finden sich aber auch in modernen Objektiven noch, auch wenn meistens nicht mehr ganz so ausgeprägt.

Insgesamt bin ich bei einem Gebrauchtpreis von ca. 50€ mehr als zufrieden mit der Abbildungsleistung. Korrekt fokussierte Fotos sind durchaus verwertbar und die Brennweite eröffnet schon andere Perspektiven, z.B. gegenüber einem "normalen" 300mm-Tele.

Die folgenden Aufnahmen sind nur erste Testbilder. Wetter und Zeit haben keine guten Fotos erlaubt. Einige der Aufnahmen leiden dazu auch unter einer sehr hohen ISO-Zahl. Diesen Preis zahlt man bei diesem Objektiv sicherlich sehr oft, da Blende 8 und 500 mm selbst bei Sonnenlicht eine entsprechend hohe Verstärkung verlangen um nicht zu verwackeln. Ein Kamerasystem mit Bildstabilisator, wie Pentax, könnte hier hilfreich sein. Wie hilfreich, konnte ich noch nicht testen, aber selbst eine Blende gegenüber Daumenregel (1 durch Brennweite für die Belichtungszeit), würde schon einen enormen Vorteil bringen.

Der Klassiker, Mondaufnahme: Hier mit virtuellen 700 mm durch Einsatz eines 1,4-fachen Telekonverters:


Natürlich ist dies nur ein Ausschnitt, da selbst 700 mm keine formatfüllende Aufnahme des Mondes erlauben.

Die nächste Aufnahme wurde bei sehr diesigem und regnerischem Wetter gemacht, die erforderliche Belichtungszeit konnt nicht mehr ganz erreicht werden und die Verstärkung musste sehr hoch gestellt werden (ISO 1000, f8.0, 1/320):

Alle weiteren Aufnahmen sind an einem sonnigen Tag an einem See entstanden. Der Himmel war zwar blau, aber die Luft fing bereits an dunstig zu werden.






Wer auch immer diese Fußball in den See geschossen hat...danke! Diente mir vorzüglich als Fokussierungstestmotiv :)






Ich denke, ich werde dieses lange Rohr noch öfter spazieren führen und eventuell damit sogar "richtige" Bilder machen. Bis jetzt hatte ich zumindest viel Spaß mit diesem etwas ungewöhnlichen Objektiv. Zumindest fordert es einen ordentlich und man freut sich sogar über ein belangloses Foto, weil es zumindest scharf geworden ist. Ich kann mich an sehr viel teurere und modernere Objektive erinnern, die mich weit weniger amüsiert haben, weil sie nicht mal in der Lage waren die Leistung zu bringen, die man erwarten konnte. Manchmal ist es vielleicht doch besser einfach nichts zu erwarten und sich dann überraschen zu lassen.

Fazit: Ein Objektiv für Supertele-Nostalgiker oder Leute mit romantischer Ader und Geduld und gutem Auge. Sicherlich nichts für das nächste Sportevent oder die "Bärenjagd" im dunklen Wald (für auf dem Ast sitzende Vögel bei Sonneschein aber sicherlich sehr gut geeignet).

Danke für's Lesen und allzeit gut Licht.

Kommentare:

  1. Schöner Bericht! Ich habe mein Beroflex heute endlich testen können, nachdem ich noch auf einen Adapter warten musste. Meine ersten Bilder sehen leider nicht so dolle aus, wie diese hier. Allerdings habe ich auch den Fehler gemacht und das Teil auseinander genommen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die Linsen wieder richtig eingesetzt habe.

    Wenn ich die Aufnahmen hier so sehe, können sie mit Suppenzooms mithalten, evlt. bis auf CA's. Vor allem die Mondaufnahme (dafür habe ich mir es hauptsächlich auch zzugelegt) gefällt mir sehr gut.

    P.S.: Ich zähle übrigens auch 13 Lamellen.

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  2. Gratulation, du hast den ersten Kommentar hier geschrieben...gewonnen hast du aber trotzdem nichts ;)

    Eine Linse falsch herum wäre natürlich schon ein Grund. Wusste gar nicht, dass man die Linsen da einzeln herausnehmen kann, wenn man den Tubus in der Mitte aufdreht.

    Was die Bilder angeht: meine sind natürlich alle bearbeitet und durch die Verkleinerung sieht man auch vieles nicht. Wenn man die sich direkt aus der Kamera bei 100% am Monitor anschaut, sieht es natürlich nicht mehr so rosig aus. Außerdem verwackelt man irrsinnig leicht mit dem Rohr und stellt man die Zeit entsprechend kurz ein, versauen einem die ISOs die Bildqualität. Und schließlich ist auch die Fokussierung fast schon Glückssache mit dem Teil. Liegt man ein wenig daneben, kriegt man nur noch Matsch.
    Ich würde es noch mal bei gutem Licht und kontrastreichen Motiven und eventuell mit Stativ versuchen. Wenn eine Linse falsch herum sitzt, kannst du die ja mal probehalber umdrehen.

    Superzooms: ja, mit einigen bestimmt! CAs sind natürlich heftig, wie bei vielen Festbrennweiten und vor allem bei vielen der alten Objektive an den Digitalen Gehäusen.

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  3. Danke dir!

    Schade, ich dachte eigtl., ich gewinne hier ein Sigma 200-500 2.8 :-)

    Ich habs mit den Linsen durchprobiert, macht meiner Meinung nach keinen Unterschied, wie herum sie eingesetzt werden. Verkleinert und nachbearbeitet komme ich so ungefähr zu den Ergebnissen, die du hier zeigt. CAs habe ich auch, aber nicht so heftig. Einer der beiden Linsen im Mittelteil hat allerdings auch ordentlich Fungus, vielleicht frisst der die CAs :-)?
    Die Fokussierung ist tatsächlich sehr schwierig auch mit Stativ, da wackelts ordentlich. Ich habe leider keine Stativschelle dabei, also habe ich die K-5 auf dem Stativ. zum Glück wiegt das Beroflex nicht viel, da brauche ich nicht befürchten, das mir was wegbricht. Aber wackeln tuts doch ordenlich, wenn ich am Fokusring drehe. Ich betrachte das Bild im LiveView in Vergrösserung, da kann ich am besten beurteilen, ob richtig scharf gestellt ist, oder nicht. Allerdings fällt das Wackeln hier durch den zusätzlichen Zoom noch mehr auf.

    Abblenden ist sehr sinnvoll, wenns geht. Blende 11 scheint ausreichend zu sein, weiteres Abblenden verbessert meiner Meinung nach nicht mehr viel. Dafür geht viel zu viel Licht verloren. Freihand geht dann überhaupt nicht mehr.
    Eigtl. habe ich mir das Tele aber auch gekauft, um damit mal den Mond zu knipsen - mehr nicht. Ich warte jetzt also auf einen klaren Himmel und Vollmond.

    P.S.: Übrigens bin ich über das DSLR-Forum auf deine Seite gestossen. Dort findest du mich als "tutnichtszursache"

    Gruß
    Jörg

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    1. Hatte erst eine D4 vorgesehen, nur ist die aktuell leider nicht lieferbar ;)

      Dann ist dein Exemplar vielleicht auch nicht mehr wirklich gut. Ich werde bei gutem Wetter noch mal genauer mein Teil ausprobieren, auch mit Telekonverter und das vielleicht auch mal mit einem AF-S 300/4 vergleichen (sofern man sowas vergleichen kann).

      Eine wackelige Angelegenheit ist das natürlich und das versaut einem oft ordentlich das Ergebnis. Mit einer D700 kann man zum Glück sehr hoch mit den ISOs gehen, so dass man sehr kurze Zeiten fahren kann (<= 1/500), auch wenn das Licht nicht super optimal ist. Für Mondaufnahmen sollte es natürlich ein Stativ sein. Was man aber auch machen kann, Serienaufnahmen aus der Hand. Wenn man einfach mal 10 Bilder in Serie macht, ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß ein Bild dabei zu haben, wo man in einer ruhigen Bewegungsphase war.
      Für Stativaufnahmen würde ich auf jeden Fall einen Fernauslöser verwenden oder zeitverzögerte Auslösung. Auch mit der Stativschelle die ich an meinen habe, wackelt das Teil zu heftig wenn man direkt den Auslöser bedient und keine Verzögerung drin hat.

      Ich bin becksbier.

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